Werkbeschreibung - Intention
 

"Reality is always worse than the depicted image.” Amos Vogel, Cineast

Die Filmwelt bildet für den Zuschauer eine Art Parallelwelt, die ihn mit Bildern und Klängen versorgt und dabei unterschiedliche Gefühle evoziert. Anhand der audiovisuellen Stimuli kann sich der Betrachter in ein Reich der Sinne begeben und Stationen der Angst, der Sehnsucht, der Empathie, des Schmerzes und der Freude durchlaufen. Aufgrund der Tatsache, dass es immer einige Szenen gibt, die man im Langzeitgedächtnis behält, erscheint es mir nach wie vor wichtig, ausgewählte Standbilder (stills) aus ihrem Kontext herauszulösen und sie in ihrem „eingefrorenen Zustand“ als eigenständiges Bild mit den Mitteln der Kunst genauer zu untersuchen. Es geht nicht darum, eine genaue 1:1 Kopie der Filmszene zu generieren, sondern dem einzelnen Bild, das sich aus einer Fülle von Einzelbildern (im Normalfall sind es 24 Bilder pro Sekunde) herausschneiden lässt, ein Eigenleben zu geben, welches, angefüllt mit Farben und Formen, neue Perspektiven und Erzählstrukturen freilegen kann. Soweit der Film als unbekannt erscheint, fällt die Auslegung und Interpretation anders aus, da keine Erinnerungen vorhanden sind und damit auch kein Zusammenhang zum Film, zur wirklichen Geschichte, hergestellt werden kann. Die Frage nach der Absicht wird umso klarer, wenn einem bewusst wird, dass sich vorher komponierte und visuell anspruchsvolle Szenen durchaus weiter in ihrer Darstellung ästhetisch erforschen lassen. Die Kunstform Film wirft insofern eine Fülle von Einzelbildern ab, die sich auf der künstlerischen Ebene weiter modifizieren lassen.

Die Bilder thematisieren inszenierte Gewalt im Film als ästhetische Erfahrung und bilden verschiedene Gefühlszustände und Handlungsabläufe ab. Die herbeigeführte Disparität zwischen teilweise expliziten Inhalten einerseits und der ästhetischen Gestaltung andererseits, scheint hierbei die Ursache dafür zu sein, der Darstellung mehr an Intensität, Dichte und Faszination zu verleihen. Die Bilder fungieren sozusagen als Katalysator, verborgene Erinnerungen, Sehnsüchte und Wünsche an die Oberfläche zu bringen. Sie sind auch als Antwort auf die gegenwärtig schnelllebige Zeit zu verstehen, in der Bilderstürme über die Menschen fegen und mitunter wenig Raum für genaue Erkundungen und Untersuchungen bleibt. Ich begreife den Bildtransfer (Film – Malerei) als Möglichkeit, auf die im Film inszenierten Darstellungen eindringlicher eingehen zu können, sie auf ihre Ästhetik hin zu untersuchen und durch den künstlerischen Eingriff einem kritisch-konstruktiven Diskurs zu unterziehen.

Gewalt, als Teil der evolutionären Geschichte, wird es in allen Erscheinungsformen, sowohl im realen Leben als auch im Film, weiterhin geben. Was auf der realen Ebene gesetzlich sanktioniert und zum Beispiel durch Aufklärung in sozialen Institutionen wie der Schule angestrebt wird, nämlich physische und psychische Gewalthandlungen präventiv zu verhindern und in extremen Situationen adäquat zu intervenieren, ist auf der künstlerischen Ebene eine Auseinandersetzung mit den verschiedenen Gestaltungsformen, die Gewalt im Film annehmen kann. Dass es dabei um ästhetische Ausformulierungen geht, liegt allein an der Fähigkeit des Menschen, sich mit seiner Umwelt ästhetisch auseinanderzusetzen und verschiedene Bereiche über die künstlerischen Gestaltungsprozesse (Film, Literatur, Malerei) zu durchdringen und erfahrbar zu machen.

Ein Essay von Itha Bonitz über die Arbeiten von Benjamin Ortleb wurde im Rahmen der Ausstellungseröffnung im Bali Kino vorgetragen und steht hier zum Download bereit. Bitte anklicken.

Wirklich oder nicht? Überlegungen zum Werk von Benjamin Ortleb